Der EXAMEN Förderpreis 2018 vergeben

Die Preisträger*innen 2018: Echo Can Luo, Theresa Grysczok, (1. Reihe v. r.), Hase & Zinser (2. Reihe v. r.), Saskia Drebes (letzte Reihe). Nicht auf dem Foto: Wenzel Stählin. © Nicolas Wefers.

Der Förderpreis der cdw Stiftung im Rahmen der EXAMEN 2018 wurde am vergangenen Donnerstagabend (13.12.) in der documenta-Halle vergeben. Die glücklichen Preisträger*innen sind: Theresa Grysczock (3.000 EUR) und Saskia Drebes (3.000 EUR). Zusätzlich erhielt Wenzel Stählin (1.000 EUR) einen Sonderpreis. Lobende Erwähnung, dotiert mit je 500 EUR, gingen an Echo Can Luo und Hase & Zinser.

Die Jurybegründungen zu allen ausgezeichneten Preisträger*innen:

Theresa Grysczok (Hauptpreis)
Theresa Grysczok erhält den Förderpreis 2018 für ihren Animationsfilm „Sincerely, Now Air“. Der Film zieht uns als Betrachter*innen unmittelbar in das Geschehen hinein. Wir spüren die Enge und Bedrängnis, die auf einer Flugreise herrscht, als die Flugbegleiterin mit der Wiederbelebung eines Passagiers durch Herzdruckmassage beginnt: ohne Hilfsmittel, in der Enge der Sitzreihen, versucht sie ein Leben zu retten. Der „Zwischenfall“ erschüttert die Routinen. Wir schauen der tragischen Situation zu und sehen die Hilflosigkeit gespiegelt in einem Kind, das seinen Teddybären im gleichen Rhythmus drückt. Theresa Grysczok ist mit ihrem Animationsfilm gelungen, uns in diese Atmosphäre eintauchen zu lassen. Die Tragik des Ereignisses hat einen Nachklang. Sie verbindet ein biografisches Erlebnis mit der gesellschaftlichen Frage nach Anteilnahme und Solidarität. Besonders hervorzuheben ist, dass Theresa Grysczok für ihren Film eine räumliche Situation inszeniert hat. Handwerklich und künstlerisch ist der sechsminütige Animationsfilm mit der Rauminstallation mehr als überzeugend. 

Saskia Drebes (Hauptpreis)
Saskia Drebes erhält den Förderpreis für ihre mehrdimensionale Arbeit „BRB – Versuch einer sensorischen Erfahrung des Datenkörpers.“ Als Produktdesignerin arbeitet sie in ihrer Abschlussarbeit an den Schnittstellen zu Performance und Neue Medien. Mit „BRB – Versuch einer sensorischen Erfahrung des Datenkörpers“ lädt sie uns zu einem aufklärerischen Selbstversuch ein. Während wir uns im Alltag bewegen wird unser Datenkörper permanent berührt, angesehen, analysiert und verwertet, ohne dass es uns bewusst wäre. Unsere Körper sammeln Informationen, die zu Datenströmen werden. Mit der physisch erfahrbaren Arbeit über sensorische Punkte auf der Zunge verschaltet Saskia Drebes diese Datenflüsse mit dem Innenraum des Körpers. So wird der digital erweiterte Raum, in dem wir ständig Spuren hinterlassen, erfahrbar. Die Echtzeitberechnungen, sogenannte Scorings, werden spürbar. Dennoch bleiben die Prozesse der Datenbewegung nicht durchschaubar. Saskia Drebes ist es gelungen, ein brisantes Thema mit der Frage nach der gesellschaftlichen Verantwortung des Designs zu verbinden. „BRB“ ist eine ruhige, ironische und perfekte Arbeit, die mit aller Härte zeigt, in welchem Datenstrom wir uns längst bewegen. Diese Arbeit macht süchtig nach mehr.

Wenzel Stählin (Sonderpreis)
Mit einem Sonderpreis würdigt die Jury eine Persönlichkeit, deren weiteres künstlerisches Entwicklungspotenzial in den hier gezeigten Arbeitsausschnitten deutlich zu erkennen ist.  Die fotografischen Serien „Wachsen“, „Form“ und „Inner shapes“ von Wenzel Stählin über das Thema Wachstum und Selbstoptimierung zeigen die künstlerische Experimentierfreude und konzeptuelle Vielschichtigkeit des Künstlers. In seiner Arbeit kombiniert Wenzel Stählin dokumentarische mit inszenierter Fotografie, Collagen mit Found Footage sowie analoge und digitale Bildtechniken auf originelle Weise. Der Sonderpreis soll Wenzel Stählin dazu ermutigen, seinen künstlerischen Stil und Ansatz selbstbewusst weiter auszubauen

Echo Can Luo (lobende Erwähnung)
Can Luo widmet sich in ihrer Arbeit „Nicely, nicely all  the time!“ dem wichtigen Thema des Face-Trackings: Wie werden Gesichter durch einen Algorithmus diskriminierend gerastert und wie wirkt sich das im kreativen 3D-Modelling aus, wenn man ethnisch vielfältig arbeiten möchte? Die Künstlerin stellt diese Frage an unterschiedliche Softwarelösungen und Apparate. Ihr gelingt es damit, uns begreiflich zu machen, wie sich rassistische Diskriminierungslogiken in der Software der Gesichtserkennung fortsetzen. Im ersten Kapitel der schriftlichen Arbeit, die ihre Rauminstallation ergänzt, wird ein Freund zitiert mit den Worten, es mache keinen Sinn, so eine Art von Arbeit zu erschaffen, da die Welt nicht zu ändern sei. Die Jury spricht eine lobende Erwähnung für die Arbeit von Echo Can Luo aus, weil sich die Künstlerin dennoch an das Thema herangewagt hat und uns zeigt, wie Medien uns rastern, normieren und tracken. So steckt in ihrer Arbeit eine emanzipatorische Erkenntnis für uns alle. 

Hase & Zinser (lobende Erwähnung)
Mit einer lobendenden Erwähnung möchte die Jury das Kollektiv Hase & Zinser für sein konsequent qualitätsvolles Werk während der Jahre an der Kunsthochschule Kassel würdigen. Hase & Zinser haben eine beeindruckende künstlerische Entwicklung mit ihren Filmen und Installationen gemacht, die von hoher gesellschaftlicher Relevanz sind. Ihre konzeptuellen Arbeiten, die sich an der Schnittstelle zwischen Kunst und Film bewegen, sind handwerklich gut gearbeitet, präzise und stark in ihrer jeweiligen Bildsprache. In ihrem bei EXAMEN 2018 präsentierten Film „Fuchs im Bau“ spiegeln sich Themen wie Unzufriedenheit, Verunsicherung und Ratlosigkeit der „kleinen Bürger“ wieder, die im Widerspruch zu deren Leben in Wohlstand und Sicherheit stehen. 

Der Jury gehörten an: Ayse Güleç (Museum für Moderne Kunst, Frankfurt), Flaut M. Rauch (Künstler, Kassel), Joey Arand (Filmemacherin, Kunsthochschule Kassel), Tobias Hartung (Kulturamt Stadt Kassel) und Karin Thielecke (cdw Stiftung).

Pressekontakt:
Cigdem Özdemir
T +49 561 804-5366
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