Auf dem aufsteigenden Ast

Filmstill aus Sog: Nach einer Sturmkatastrophe haben sich die Fische in den Ästen der Bäume verfangen und drohen auszutrocknen.

Kunsthochschüler Jonatan Schwenk verbindet Animation und Video. Sein Kurzfilm „Sog“ macht international Furore.

Der Nachwuchsfilmer gewann 2017 mit seinem Film auf einem der wichtigsten internationalen Festivals für Animationsfilme in Annecy (Frankreich). Weitere wichtige Auszeichnungen folgten, wie z. B. beim Palm Springs ShortFest (United States), dem Interfilm Festival (Berlin) oder dem Premiers Plans Film Festival (Frankreich). Er gewann auch den “European Animation Award” beim Encounters Short Film & Animation Festival Bristol (UK) und den Preis für den besten internationalen animierten Kurzfilm beim Flickerfest in Australien, was den Film für die Oscars 2019 qualifiziert.

Jonatan Schwenk ist seit 2014 Gaststudent an der Kunsthochschule Kassel (Klasse Animation) und studiert zudem an der Hochschule für Gestaltung Offenbach (HfG). Der gebürtige Göttinger schätzt den Luxus, an zwei Hochschulen gleichzeitig zu studieren und betont, dass Sog kein reines Animationsfilmprojekt sei: „Das Produktionsteam setzte sich aus beiden Hochschulen zusammen. Der Animationsanteil entstand in Kassel und der Videoanteil in Offenbach. Diese interdisziplinäre Zusammenarbeit war eine große Bereicherung für uns alle. Angefangen vom Kameramann, Scriptwriter bis über die technische Beratung – wir haben uns gegenseitig gut ergänzt“, sagt Schwenk. 

Der zehnminütige Animationsfilm lässt Spielraum für viele Themen. Er ist universell und eine geistreiche Allegorie auf viele Probleme unserer Zeit: Nach einer Überflutung drohen die Fische auf den Bäumen vor einer Höhle auszutrocknen und stoßen deshalb Hilfeschreie aus. Die Höhlenbewohner fühlen sich von den Schreien belästigt, gehen aber mit der Ruhestörung unterschiedlich um. Während die einen sich passiv verhalten und den Zustand aussitzen, bis eine Lösung gefunden wird, nimmt ein Bewohner das Zepter in die Hand und reagiert mit Gewalt. Ein anderer wiederum versucht, die Situation mit Empathie und Verständnis zu schlichten. Er will den Fischen helfen und sie wieder ins Wasser bringen. Am Ende eskaliert die Situation und nimmt eine unglückliche Wendung an, als die passiven Bewohner sich dem Bösen anschließen.

Das Drehbuch zum Film entstand aus der gedanklichen Auseinandersetzung des Filmemachers mit dem Thema Ruhestörung in der Nachbarschaft. Doch für Schwenk berührt Sog viele essenzielle Aspekte wie Angst, Fremdheit, Ausgrenzung und Überforderung. Manche Festivals ordnen den Film in die Science-Fiction Genre und andere zeigen ihn im Zusammenhang mit der Flüchtlingsdebatte. „Mir geht es vielmehr darum zu zeigen, was passieren kann, wenn Figuren sich in einem instabilen System befinden oder selbst in Not geraten. Der Umgang mit Neuem führt zur Überforderung auf beiden Seiten. Deshalb wollte ich mit meinem Film auch ein wenig Verständnis für die genervten Höhlenbewohner schaffen“, resümiert Schwenk.

Sog fasziniert nicht nur aufgrund seiner thematischen Aussagekraft. Die technische Umsetzung überzeugt zusätzlich. Der Hybridfilm entstand in einem Zeitraum von ca. 4 Jahren. Die aufwendige Produktion beinhaltet zahlreiche Szenen. Damit stieß der Filmemacher zum Teil oft an seine Grenzen. Er lässt alte mit neuen Techniken miteinander verschmelzen, wie Stop-Motion und 3D-Animation. Dadurch gelingen ihm unglaublich starke Bilder und Einstellungen. Er spielt perfekt mit Licht und Schatten und nutzt raffiniert eine Komposition von Geräuschen.

Schwenk hat sich während seines Studiums mit den unterschiedlichsten Bereichen des Filmemachens beschäftigt, um sich dann individuell auf bestimmte Themen zu spezialisieren. „Vom Generalisten zum Spezialisten“, so fasst der Filmemacher diesen Prozess zusammen. Das nächste Projekt soll nun sein Abschlussfilm werden: „Nach einem erfolgreichen Film, den Nächsten zu produzieren ist nicht einfach. Die eigene Erwartungshaltung ist groß und ein gewisser Druck spürbar“, erklärt Schwenk. Nach Sog soll thematisch nun etwas völlig Neues folgen. Filminteressierte können schon mal gespannt sein, wie der neue Film wird.   

Sog-Trailer: vimeo.com/220208022

Kontakt
Cigdem Özdemir
Kunsthochschule Kassel
Pressestelle
T +49 561 804 5366
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