Morris Joffe „im Auftrag von ..."

Das Coronavirus und die damit verbundenen Folgen haben auch negative Auswirkungen auf die menschliche Psyche.* „Der Corona-Lockdown bedeutet für sehr viele Einsamkeit und auch ich habe damit zu kämpfen“, gesteht Morris Joffe, der im 3. Semester Bildende Kunst an der Kunsthochschule Kassel studiert. „Es fehlt an persönlichen Begegnungen und dadurch werden wir immer mehr dazu gezwungen, uns schriftlich mitzuteilen“, erklärt Joffe. Die Pandemie habe die Art der Kommunikation verändert.

Um Menschen ein Forum zu bieten, hat er im letzten Jahr eine Umfrage gestartet: „Ich habe meine Kommiliton*innen und Freunde dazu aufgerufen, mir mitzuteilen, was ihnen auf dem Herzen liegt“, so Joffe. Er hatte hierbei keineswegs voyeuristische Impulse wie etwa, Geheimnisse über andere auszuplaudern: „Ich wollte für die mir anvertrauten Gedanken, egal ob positiv oder negativ, ein Forum des Zuhörens schaffen, indem ich die anonymisierten Messages als Lecture-Performance im Rahmen des alternativen Rundgangs der Kunsthochschule vorlas“, so der Performer.

Joffe vermittelte die ihm anvertrauten Nachrichten unkommentiert und neutral. „Die Beziehungsebene einer Nachricht wird durch die Anwendung der Verwaltungssprache verhindert. Deshalb habe ich bewusst mit dieser Distanz gespielt, indem ich mein Projekt „im Auftrag von …“ betitelte“.

Für den Studenten war es das erste Mal, Kunst im öffentlichen Raum zu zeigen. Er wählte für seine Lecture-Performance im Juli 2020 das ICH-Denkmal auf dem Brüder-Grimm-Platz (Kassel) aus. Das von Hans Traxler stammende Kunstwerk soll die Menschen dazu motivieren, auf diesen Sockel zu steigen. Grundlage des Werkes ist der Satz: „Jeder Mensch ist einzigartig.“ Obwohl Joffe auf der ICH-Säule stand, ging es um alles andere als um seine Person: „Ich habe nur „im Auftrag von …“ agiert. Ich selber war nebensächlich und agierte als Sprachrohr meiner Kommiliton*innen und Freunde“.

All die positiven Rückmeldungen ermutigten Joffe, mit seinem Projekt weiterzumachen. In regelmäßigem Turnus wird er andere Menschen motivieren, ihm mitzuteilen, was sie gerade bewegt, und die Rückmeldungen öffentlich vortragen. „Formate dieser Art sind unverzichtbar. Wir müssen immer wieder lernen, unserem Gegenüber wertfrei zuzuhören“, erklärt Joffe.

(Text: Çiğdem Özdemir)

Pressekontakt
Cigdem Özdemir
Kunsthochschule Kassel
presse[at]kunsthochschulekassel.de 

*Vgl. www.deutschlandfunkkultur.de/soziologe-ueber-einsamkeit-im-lockdown-gefangen-wie-in.990.de.html?dram:article_id=491291
(letzter Zugriff 25.02.2021)

 

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