Der Fremdling ist nun beherbergt

Der Obelisk der documenta 14 von Olu Oguibe spaltet die Meinung. Das zeigt auch Sina Rockensüß in ihrer Publikation „I was a stranger and you took me where?“

In dem Buch beschreibt die Studentin den Verlauf vom Aufbau über den Abbau bis hin zum Wiederaufbau des Obelisken, der für die documenta 14 vom nigerianisch-amerikanischen Künstler Olu Oguibe entworfen wurde. Das ca. 16 Meter hohe Kunstwerk widmet sich dem Thema Flucht und trägt in vier Sprachen die Inschrift „Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt“.

Der Obelisk wurde zur politischen Projektionsfläche vielfältiger Meinungen: Im Juni 2017 am Kasseler Königsplatz für die Laufzeit der documenta aufgestellt und im Oktober wieder abgebaut, hat das Kunstwerk nun seit April 2019 in der Kasseler Treppenstraße seinen Platz gefunden. Die Diskussionen um den Obelisken waren hitzig und erregten die Gemüter. Die Autorin zeigt auf kritische und humoristische Weise die Chronologie des ganzen Konflikts auf und holt dabei die Stimmen zur weltweit bedeutendsten Ausstellung zeitgenössischer Kunst aus dem virtuellen Raum. Dazu wertete Rockensüß die Leserkommentare auf HNA.de (Hessische Niedersächsische Allgemeine) aus dem Zeitraum von März 2017 bis Juli 2019 aus, die sich auf die Pressebeiträge zum Obelisken bezogen. Um die thematische Reichweite auch überregional aufzuzeigen, sichtete die Studentin zudem Berichte aus Tagesspiegel und Monopol – Magazin für Kunst und Leben.

Zu jedem Artikel wurden 170 bis 300 Kommentare veröffentlicht: „Im Kommentarforum machte sich das Gefühl breit, der Obelisk werde aufgedrängt. Mir lag es am Herzen, über eine dokumentarische Zusammenfassung der Ereignisse die verschiedenen Meinungsbilder im Rahmen einer Publikation aufzuzeigen“, erklärt Rockensüß. Sie finde es spannend zu sehen, wie Kunst trotz ihrer Ablehnung, die sie in diesem Forum überwiegend erfuhr, genau ihr Ziel erreichte: „Die Diskussion um den Obelisken regte die Fantasie der Leser*innen an und veranlasste sie dazu, sich mit dem Kunstwerk auseinanderzusetzen. Damit schaffte das Werk ein großes Abbild von Meinungen“, betont die Autorin.

Bei ihrer Recherche ging es der Studentin hauptsächlich um das herauskristallisieren der Außenwirkung der Stadt Kassel und um deren Umgang mit dem Kunstwerk. Dass der Obelisk „einer documenta-Stadt nicht würdig sei“ oder „dem Image der Kulturstadt schade“, sind Äußerungen, die in diesem Kontext besonders auffallen. Die Studentin stellte fest, dass im Leserforum Pro-Obelisk-Haltungen in der Regel negativ abgewertet wurden. Das zeigt beispielsweise die Reaktion auf ein Leser-Statement, dass man sich vom Obelisken nicht belästigt fühle, in der es heißt: „Dann kaufen Sie ihn doch für Ihren Garten!“

Rockensüß’ Publikation gliedert sich in drei Teile. Im ersten Teil kommt der Künstler Olu Oguibe selbst zu Wort. Er nimmt Stellung zu seinem Projekt und zu den vorwiegend medial ausgetragenen Diskussionen. Die Gestalterin stellt alle Schlagzeilen über den Obelisken in der HNA chronologisch dar, beginnend mit „Auf dem Königsplatz entsteht ein 16 Meter hoher Obelisk“ und „Das CityPoint wusste von nichts“. Im Anschluss folgen einige Seiten mit Kommentaren auf Transparentpapier: „Das Transparentpapier habe ich ausgewählt, weil es visuell eine gewisse Tiefe schafft und die Kommentarflut sehr gut wiedergibt“, so die Gestalterin. Der zweite Teil behandelt den Abbau des Kunstwerks und die Statements dazu. Im letzten Teil ihrer Publikation widmet sich Rockensüß dem Wiederaufbau des Obelisken und der Standortdiskussion: „Die Diskussion endet mit der bis dato letzten Schlagzeile „Nazi-Streit um Obelisken: Chef des Denkmalbeirats schmeißt hin“.

Sina Rockensüß studiert im 9. Semester Redaktionelles Gestalten an der Kunsthochschule Kassel. Für ihre Publikation erhielt sie 2019 im Rahmen des Rundgangs der Kunsthochschule den Preis der SV SparkassenVersicherung. Bei der Erstellung ihrer Arbeit wurde sie durch ihre Professorin Gabriele Franziska Götz und deren künstlerische Mitarbeiterin Milena Albiez fachlich unterstützt. Nach ihrer Publikation möchte sich die Studentin nun ihrem Studienabschluss, der im Juni 2020 ansteht, widmen.

(Text: Cigdem Özdemir)

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