Wurz, Johanna
Wissenschaftliche Mitarbeiterin | Neuere Kunstgeschichte

Promotionsprojekt: „Vom Dunkelmuseum zur Dekonstruktion. Eine Fallstudie zur Demokratisierung des Kunstmuseums im westeuropäischen Kontext in den 1960er und 70er Jahren“
In ihrem Promotionsprojekt untersucht Johanna Wurz Dauerausstellungen für Kunst der 1960er und 70er Jahre, die auf innovative Weise auf die damalige Bildungs- und Museumskrise in Westeuropa antworteten. Ausschlaggebend für die Untersuchung ist zum einen die Tendenz in den 1960er Jahren, pädagogische Maßnahmen bzw. Kompetenzen in der zumeist noch vorwiegend wissenschaftlich geprägten Institution des Museums zu verankern und neuen Zielgruppen einen Zugang zum ausgestellten Kulturerbe zu ermöglichen. Auf welche Art und Weise dies in der Gestaltung neuer Dauerausstellungen für Kunst und begleitender Vermittlungsformate geschah, ist die Leitfrage der Arbeit. Ein besonderer Fokus liegt auf der diskursiven Aushandlung eines neuen Anspruchs an ein demokratisches Museum, das sich in dieser ersten Phase vor allem durch Schwellenabbau und Zugänglichkeit für bildungsferne Gruppen auszeichnete. Der Museumstyp des Kunstmuseums nimmt in der Quellenanalyse eine besondere Stellung ein, da er als Negativbeispiel für etwas fungierte, das man unbedingt vermeiden bzw. abschaffen wollte: die kontextbefreite, abstrakte Zurschaustellung von Kunst, die Vorkenntnisse und Habitus voraussetzte. Neue Versuche, Kunstexponate im Ausstellungsraum in einen sinnlich-assoziativen oder inhaltlich aufschlussreichen Kontext zu stellen, sind besondere Aspekte, die mit der Verwendung von akzentuiertem Kunstlicht und abgedunkelten Räumen in Verbindung stehen.
Zum anderen widmet sich das Promotionsprojekt einer zweiten Phase der Demokratisierung des Museums, die sich im Zuge der 1968er-Bewegung und in den Jahren danach entwickelte. Charakteristisch für den eigentlichen Höhepunkt der Museumskrise ist die Erweiterung der Anspruchshaltung rund um das demokratische Museum um den Faktor der Partizipation und der Hinterfragung seiner bedeutungsstiftenden Prozesse. Der zunehmend als elitär kritisierte Tempel der Kunst sollte um 1970 nun nicht nur pädagogische Hilfestellungen für das Verständnis der ausgestellten Kunst geben, sondern seine Deutungsmacht infrage stellen. Wie sich diese neue Dimension der Kritik auf das praktische Ausstellungsdesign von Kunstmuseen und die Erwartungen an Besucherinnen und Besucher auswirkte, ist ein weiterer Fokus des Projekts. Unter dem Stichwort der Selbstkritik oder dem Bedürfnis, das Museum stärker mit den umgebenden städtischen Alltagsstrukturen und Verhaltensmustern verschmelzen zu lassen, erfährt auch der Ausstellungsraum eine Dekonstruktion. Die flexible Stellwand und Depotstrukturen erhielten für das neu ersonnene, emanzipierte Museumspublikum eine besondere Funktion, da in ihnen das Potenzial gesehen wurde, Emanzipation und kritisches Denken im Angesicht der Kunst zu fördern.
Da die betrachtete Phase der Museumsgeschichte aufgrund der zahlreichen Neubauten gemeinhin als Zeit des Museumsbooms beschrieben wird und eine Vielzahl an möglichen Museumsbeispielen bietet, sind für die Vorgehensweise nur jene Ansätze leitend, die in zeitgenössischen Quellen als besonders innovativ oder kontrovers kommentiert wurden. Unter den als Fallbeispiele für das Projekt ausgewählten Museen sind dementsprechend jene, die zu gegebener Zeit die geschilderten Ansprüche an ein demokratisches Kunstmuseum erfüllten und als Vorbilder bzw. Rezipienten neue gestalterische und didaktische Strategien umsetzten. Dabei schlägt das Promotionsprojekt die Brücke zwischen Fallbeispielen, die im internationalen Kontext in Fachzeitschriften besondere Beachtung finden, und westdeutschen, die neue Tendenzen des Museumswesens im lokalen Kontext umzusetzen versuchten. Darunter sind das Nationalmuseum für Anthropologie in Mexico-City (1963–1964), der Museumskomplex des Museums für Völkerkunde, der Ostasiatischen, Islamischen und Indischen Kunst in Berlin-Dahlem (1966–1973), das Kulturhuset in Stockholm (1965–1975) und das Sprengel Museum Hannover (1973–1979).
VITA
Seit September 2021 Promotion bei Prof. Dr. Alexis Joachimides, Fachbereich Kunstwissenschaft, Neuere Kunstgeschichte, Universität Kassel, Kunsthochschule Kassel
2020–2021 Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich Kunstwissenschaft, Neuere Kunstgeschichte, Universität Kassel, Kunsthochschule Kassel
2017–2020 Masterstudium der Kunstwissenschaft an der Kunsthochschule Kassel / Universität Kassel, Titel der Masterarbeit: Der Katalog des Musée des Monuments Français als Medium der Demokratisierung kunsthistorischer Bildung?
Seit 2018 Ehrenamtliche und nebenberufliche Führungen zur Kasseler Stadtgeschichte, insbesondere zu den Themen Architekturgeschichte, Denkmalkultur im Stadtraum, postkoloniale Rezeption des chinesischen Dorfs Mulang. (siehe „KulTourAgenten e. V.“ und „EssKulTouren“ (Dr. Bettina Becker)
2014–2016 Wissenschaftliche Hilfskraft im LOEWE-Schwerpunkt „Tier-Mensch-Gesellschaft“ im Fachbereich Geschichte
2011–2017 Studium der Kunstwissenschaft und Geschichte an der Universität Kassel / Kunsthochschule Kassel, Titel der Bachelorarbeit: Zwischen Fremde und Dörflichem Idyll. Das chinesische Dorf Mou-lang im Repräsentationskontext des Aufgeklärten Absolutismus Friedrichs II. von Hessen-Kassel
Sprechzeiten
Mo: 15–16 Uhr
(nach Vereinbarung)
Ort
Gebäude:Südbau
Raum: 2190
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T: +49 561 804 5435
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