Strahlkraft über die Grenzen der Stadt hinaus

Interview mit Prof. Joel Baumann, Rektor Kunsthochschule Kassel, geführt von der cdw-Stiftung gGmbH.  

Lieber Herr Professor Baumann Ihre Amtszeit als Rektor endet in diesem Jahr. Ihr Abschied von diesem Amt fällt in eine Zeit, die die Gesellschaft und die Kreativszene insbesondere vor gewaltige Herausforderungen stellt. Wenn wir jetzt aber Corona und die Auswirkungen kurz ausblenden, worauf sind Sie besonders stolz, welche Entwicklungen konnten Sie anstoßen?

Ich freue mich am meisten darüber, Teil dieser großartigen Kunsthochschule zu sein und fortwährend in den acht Jahren immer das Gefühl der Wertschätzung erfahren zu haben. Meine Herangehensweise erstellt sich aus der Not: ich arbeite am liebsten im Team, denn nur so fühle ich mich produktiv. Sie fragen worauf ich stolz bin, aber ich denke Stolz ist das falsche Wort. Ich bin eher überaus glücklich darüber, dass ich während meiner Amtszeit immer durch Pro- und Studienrektor*innen unterstützt wurde und dies von sich abwechselnden Kolleg*innen aus den verschiedenen Studiengängen. Denn das Einbinden vieler in die Aufgaben und Herausforderungen der Pro- und Studienrektor*innen fördert die Transparenz und die Kommunikation. Es erlaubte uns gemeinsam Dinge aus verschiedenen Perspektiven zu reflektieren. Das ist ungemein wertvoll für die Arbeit.

Geehrt fühle ich mich Teil dieser Kunsthochschule zu sein und an ihrem Diskurs teilzuhaben. Wir konnten in den letzten acht Jahren u.a. die Sichtbarkeit und die Kommunikation nach außen wesentlich erhöhen. Wir konnten Frau Özdemir auf der Stelle für Presse und Öffentlichkeit verstetigen und damit längerfristige Beziehungen zu Institutionen und Medienvertreter*innen schaffen. Wir haben gemeinsam Partner gefunden, mit denen wir Formate erfunden oder weiterentwickelt haben.

Natürlich freut es mich, dass wir es geschafft haben die Universität Kassel davon zu überzeugen, dass die Kunsthochschule eine Ausstellungsfläche braucht, um das Ausstellen, Aufbauen, Kuratieren, Performen etc. in der Lehre nachhaltig zu verankern. Auch darüber hinaus wird dieser Ausstellungsraum ein Raum der Begegnung und des Austauschs sein. Die Kunsthochschule kann jetzt in Kooperationsprojekten eine Einladung zum gemeinsamen Ausstellen aussprechen. Allein die Möglichkeit des Einladens ist eine fantastische Erweiterung für die Sichtbarkeit unserer Hochschule und der Universität.

Am meisten freut mich im Rückblick auf meine Zeit als Rektor, dass ich das Gefühl mitnehme gemeinsam weitergekommen zu sein. Wir haben Ziele definiert und sind diesen gefolgt. Bei all diesen Bestrebungen konnten wir als Hochschule unsere Situation besser verstehen und haben uns geschlossen dafür eingesetzt, die Kunsthochschule Kassel besser aufzustellen.

Wie geht es den Kreativschaffenden in Ausbildung, wenn Werkstätten und Ateliers geschlossen sind und auf dem Kreativmarkt kein Austausch mit dem Publikum mehr möglich ist?

Corona hat meines Erachtens sehr vielen Studierenden enorm zugesetzt, wobei man nicht pauschal über Studierende reden sollte. Die Kunsthochschule wurde für drei Semester zum Stillstand gebracht, wobei in besonderen Fällen Arbeit in den Gebäuden möglich war und ist. Die Unterscheidung zwischen wer darf rein und wer darf NICHT rein ist enorm komplex und hat sich über die Zeit der Pandemie mehrmals durch veränderte Regelungen weiter verkompliziert. Pauschal kann man sagen, dass das Studieren erschwert wurde, auch wenn alle Lehrenden ihr Bestes geben, um digitalisierte Alternativen anzubieten. Deutlich wurde leider auch, wie weit die deutschen Bildungseinrichtungen im Sinne der Digitalisierung hinterherhinken. Es ist schade, dass erst eine Pandemie dieses Manko deutlich machen muss.

Ein enorm wichtiger Teil des Studiums ist wie schon erwähnt der Austausch mit einem interessierten Publikum. Durch den Stillstand im Ausstellungswesen und dem Ausfall der Kinos wurde auch den Studierenden die Möglichkeit dieses Austauschs genommen. All unsere gängigen Formate, zum Beispiel die EXAMEN, der Rundgang, Zu Gast im Rektorat oder diverse weitere Ausstellungsprojekte mussten entweder digitalisiert werden, fanden nur mit sehr begrenztem Publikumsverkehr statt oder mussten komplett abgesagt werden. Für Studierende stellen diese Momente der Begegnung und der Diskussion einen wesentlichen Teil ihres Studiums dar. Hier treffen Studierende ihre Generation, tauschen sich aus und kritisieren sich gegenseitig, vereinbaren Kooperationen und vernetzen sich untereinander. Ich würde sogar behaupten, dass unseren Studierenden diese Begegnungen untereinander am meisten fehlen. Mehr noch als der Austausch mit ihren Lehrenden. Und gerade diesen Austausch können wir so nicht digital herstellen oder ersetzen.

Welche Rolle kommt in dieser Zeit der Kunsthochschule zu und können Sie dieser gerecht werden?

Eine Kunsthochschule kann in Zeiten einer Pandemie versuchen, alternative pandemiekonforme Formate zu erfinden, um möglichst viel stattfinden zu lassen. Aber auch mit dem größten Aufwand kann dies nicht ersetzen, was in normalen Zeiten an einer Kunsthochschule geschieht. Eine Kunsthochschule ist ein Ort des Austausches und der Begegnung, ein Schutzraum und ein Raum, in dem man gewagt Dinge ausprobieren und ansprechen kann, wie nirgendwo anders. Dadurch wird die Kunsthochschule auch zum Ort der Transformation, in der Studierende einen Wandel üben, bis die eigene Position und Autorenschaft erarbeitet wurde, und man sich mit dieser peu à peu nach Außen begibt. Und gerade diesen Raum der konstruktiven Kritik, der Geborgenheit, des Experimentierens und des Scheiterns können wir nicht verlegen, nicht ins Digitale und ganz sicher nicht ins Home-Atelier.

Aber glücklicherweise sehen wir wieder Licht am Ende des Tunnels. Jetzt brauchen wir aber wieder Zeit und Geduld seitens der Politik, damit wir nicht eine Generation als gescheitert erklären, sondern alle mitnehmen. Um diese Corona Generation mitzunehmen, müssen wir ihr mehr Beachtung schenken, was so nicht während der Pandemie geschah. Hoffentlich wird das nicht vergessen, in all der Freude um die post-pandemischen neuen Möglichkeiten.

Wir kooperieren mittlerweile seit sieben Jahren und ermöglichen die Abschlussausstellung. Welche Bedeutung hat die EXAMEN heute?

Die traditionell wichtige Ausstellung für Absolvent*innen und Meisterschüler*innen haben wir gemeinsam mit der CDW Stiftung zum heutigen Format der EXAMEN entwickelt. Hierauf kann man schon sagen, dass ich stolz bin. Die Ausstellung hat Strahlkraft über die Grenzen der Stadt hinaus, ist aber auch in der Stadt sehr angesehen. Sie wertschätzt die Arbeit der Kunsthochschule und deren Absolvent*innen. Das ist ein enorm wichtiges Zeichen und es wird jedes Jahr auf ein Neues gesetzt.

Link:
www.cdw-stiftung.de

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